Übersetzungen für Tattoos… STOP!
Benny December 5th, 2008
… immer wieder, beinahe täglich kommen Übersetzungswünsche per PN, Email oder Kommentar bei mir an. Heute zum Beispiel die Frage nach der Übersetzung für “Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg“. Nun, wo ein Wille ist, mag auch ein Weg sein, aber auch der stärkste Wille führt manchmal nur zu einen Weg, der eine gewisse Kompromissbereitschaft verlangt.
“Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg” ist ein deutsches Sprichwort und rein zufällig gibt es dieses Sprichwort in ganz ähnlicher Ausdrucksweise (nur eben auf Chinesisch) auch in China: 有志者事竟成 yǒu zhì zhě shì jìng chéng
Wie gehe ich bei einer Übersetzung vor?
- Ich teste mein Wissen: Was kann ich davon ohne Hilfsmittel selbst übersetzen? Gegebenfalls habe ich die Übersetzung so schon und muss sie nur noch sicherhaltshalber prüfen
- Ich google nach der Übersetzung: nur durchschnittlich erfolgreich und ist immer überprüfungsbedürftig
- Ich ziehe Bücher (Sprachlexika, Wörterbücher, manchmal auch Sprachführer) zu Rate: ziemlich sichere Ergebnisse, aber zeitaufwändig
- Ich frage einen Muttersprachler (bei Chinesisch meistens meine Freundin): sehr erfolgsversprechend, eher geringe Fehlerquote
Wenn Anfänger nach Übersetzungen fragen, können sie aber vieles nicht wissen, was sie aber wissen und dem Übersetzer mitteilen sollten. Dieses Wissen haben sie aber i.d.R. nicht. Daher können sie auch nicht selbst nach der Übersetzung googeln oder in Büchern nachschlagen, denn dafür ist gewisse Erfahrung notwendig.
Ein sehr häufiges Motiv für ein Tattoo ist die Übersetzung des Wortes “Liebe”. Ganz klarer Fall wird der fortgeschrittene Chinesischlerner sich denken, “Liebe” heißt ja 爱 ! Und dieser Fakt ist quasi hieb- und stichfest.
Ja! Aber: Das ist nur die Übersetzung in das reformierte Zeichen der VR China, welches zumindest in der Theorie nur in der VR China (und Singapur) verwendet wird. Es könnte sich als sehr ärgerlich herausstellen, wenn (im Nachhinein) doch eher das traditionale Zeichen 愛 gemeint ist, welches in Hongkong, Taiwan, Japan und auch in der VR China und Singapur als “Liebe” erkannt wird. Die beiden Zeichen unterscheiden sich nicht in ihrer Bedeutung (beide bedeuten zweifelsohne “Liebe”), aber sie unterscheiden sich in der Hinsicht, dass das eine Zeichen vielleicht andere Menschen anspricht als das andere (und vielleicht auch als ästhetischer empfunden wird).
Man kann als Übersetzer mit gutem Gewissen 爱 oder 愛 als Übersetzung angeben. Die Entscheidung liegt allein beim Übersetzer, denn der Anfragende hat ja keine Ahnung vom Unterschied, er weiß nicht mal, dass es einen Unterschied gibt.
Wenn also eine Anfrage für eine Übersetzung kommt, muss der Übersetzer wissen, für wen diese Übersetzung ist bzw. besser formuliert: an wen die Übersetzung gerichtet ist. Wer soll das Übersetzungsergebnis lesen (können)? Chinesen? Wenn ja, welche? Festland, Hongkong, Taiwan? Oder (auch) Japaner? Oder irgendwie für alle? Letzteres ist durchaus möglich, erfordert aber sehr viel Wissen und/oder Recherche.
Letztendlich kann ich aber nur wieder mal von jeglichen Tattoos abraten, die auf ostasiatischer Schrift basieren! Es macht einfach wenig Sinn, sich Wörter oder Sätze auf einer Sprache tätowieren zu lassen, die man selbst nicht versteht. Davon abgesehen, dass diese Tattoos schnell zu Missverständnissen führen können, wenn sich z. B. Japaner von einer Aussage eines Tattoos angesprochen fühlen, die eigentlich für Chinesen gedacht war.
Und wer soll eigentlich für eine falsche oder ungünstige Übersetzung haften? Etwa ich? Der sich diese Übersetzung mühevoll selbst durch Recherche erarbeitet hat und dafür auch die Freundin nerven musste? Natürlich! Denn der Übersetzer ist für die Richtigkeit seiner Übersetzung verantwortlich.
Und gerade Namensübersetzungen, die am häufigsten erwünscht werden, sind doch sehr risikoreich. Dafür möchte sicherlich niemand seinen Kopf vergütungslos hinhalten müssen. Daher verweise noch mal auf meinen Artikel Chinesische Schrift als Tattoomotiv – Eine kleine Aufklärung.
Ich bitte hiermit darum, uns freundlicherweise von Tattoo-Übersetzungsanfragen per Email zu verschonen! Die Kommentarfunktion bleibt aktiviert, vielleicht findet sich ja auch jemand anderes, der (ebenfalls per Kommentar oder per Email) antwortet und weiterhilft, Helfer sind gerne willkommen.
Von Tattoomotiven in chinesischer und japanischer Schrift rate ich absolut ab, insbesondere von (angeblichen) Namensübersetzungen!
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