Interkulturelles Arbeiten in Japan

August 26th, 2010

Nach nun bald einem halben Jahr in einem rein japanisch geführten Büro bin ich um einige Erfahrungen reifer.
Ich habe schon in vielen Büros in Deutschland gesessen, aber dort vieles in den Jahren nicht erlebt, was ich hier in Japan so im Büro erlebe.
Erstmal habe ich in diesem japanischen Büro noch kein Geschrei und keine Ausraster erlebt. Die Japaner können auch mal ungemütlicher werden, aber sind immer sehr beherrscht, insbesondere die Frauen sind immer sehr gefasst und unterdrücken jede Form der negativen Gefühlsausbrüche (während positive durchaus gezeigt werden). Und das, obwohl ich hier in der Logistikabteilung sitze, welche immer zwischen den Fronten steht und viel Verantwortung hat.

In Japan ist aber eines ganz anders: Die Gefährdung der persönlichen Reputation steht hier auf einem ganz anderen Blatt, als in Deutschland.
In Japan ist es Alltag, dass Geschäftsmänner in der U-Bahn mit dem Handy oder einer mobilen Spielekonsole von Sony oder Nintendo spielen. In Deutschland ist das doch undenkbar, da muss es die FAZ oder New York Times (um auch international zu wirken) sein.



In Japan ist es auch schwer zwischen privater und beruflicher Angelegenheit zu unterscheiden. Die Japaner identifizieren sich immer noch sehr (zumindest nach außen hin) mit dem Unternehmen, bei dem sie arbeiten. Oft ist etwas tabu, weil es nicht nur das Ansehen der eigenen Person, sondern auch des Arbeitgebers oder der Schule schaden könnte. Der Gruppenzusammenhalt ist zudem recht hoch und die Teilnahme an gemeinsamen Ausflügen, Spielen oder zumindest gelegentliche Treffen in Bars nach Feierabend sind quasi fast obligatorisch.

Andererseits wird vieles nicht so krumm genommen, was in Deutschland wohl eher nicht funktionieren würde.
Oder könnten Sie (wenn Sie in Deutschland aufgewachsen sind) es sich vorstellen, die Bankangestellte, von der Sie eben noch im Business-Outfit betreffend Ihrer Anlagestrategie beraten worden, am Sonntag im Park verkleidet mit Lolita-Kostüm als Cosplayer anzutreffen? In Deutschland wäre das irgendwas zwischen einem kleinen Skandal und Gesprächsthema für die Mittagspausen der nächsten 2 Jahre, also ein Ding der Unmöglichkeit. In Japan hingegen, ist das möglich und man verliert nicht seinen guten Ruf deswegen.

Nagut, anderes Beispiel. Auch wenn es mehrfach wissenschaftlich erwiesen wurde, hat es sich bei Arbeitgebern noch nicht rumgesprochen, dass ein Mittagsschläfchen in der Mittagspause sehr erholsam ist und die Leistungsfähigkeit über den Tag steigert. Als Arbeitnehmer legt man sich daher ungerne mit dem Kopf auf den Tisch, denn wenn der Chef mal ins Büro stürmt, sieht es trotz Mittagspause nach offenbarten Faulenzertum aus. Die Tageszeitung zu lesen und dabei etwas essen ist okay, aber ein Mittagsschläfchen eher tabu.

In Japan (und China) ist dies kein Tabu.
Hier legen sich die Angestellten mittags einfach ein Kissen auf den Tisch und auf das Kissen wiederrum kommt dann der Kopf, schnell fallen die Augen zu. Wie es nun mal so ist, geht die Beherrschung im Schlaf dann verloren und so kommt es, dass ich in der Mittagspause, wenn ich nicht gerade in der Mensa oder im Sushirestaurant bin, oft lautes Schnarchen höre.
Das Geschnarche (derjenige kann ja auch nichts dafür) stört hier niemanden, während es in Deutschland sicherlich für Erheiterung im Büro sorgen würde.
Japaner können sowieso überall schlafen, nicht nur auf der Arbeit. Im Bus und Bahn, bei Wartezeit im Café und FastFood-Restaurant, draußen auf der Bank, ja sogar auf der Rolltreppe wird keine Zeit mit aktionslosem Wach sein verschwendet. Das kann man bei Chinesen, die ebenfalls fast überall schlafen können und diese Fähigkeit auch nutzen, ebenso beobachten. Es ist eine typisch ostasiatische Tugend mit dem Motto, welches ganz klar lautet: Wenn schon wach, dann auch was tun dabei. Und wenn man nichts tun kann, dann ist Zeit für ein Schläfchen.

Eine Antwort to “Interkulturelles Arbeiten in Japan”

  1. xuleion 30 Aug 2010 at 8:12 am

    ” Wenn schon wach, dann auch was tun dabei. Und wenn man nichts tun kann, dann ist Zeit für ein Schläfchen”
    sehr schoen!!!

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