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Die japanische Autoindustrie – Zwischen Sparmobil und Innovation

August 17th, 2011

Dieser Artikel gehört zur Artikelserie: Die japanische Autoindustrie – Zwischen Sparmobil und Innovation

Am Anfang war die Kopie des Originals

Eigentlich sind die Japaner erst spät in die Automobilindustrie eingestiegen. Bereits 1866 hatte der Deutsche Nikolaus August Otto den Viertaktmotor – im wahrsten Sinne des Wortes – am Start und noch davor hatten andere Tüftler aus Deutschland, Frankreich und England halbtaugliche Ansätze eines Automobils.

Die Anfänge der japanischen Automobilindustrie ähneln ein wenig den Anfängen der chinesischen Autobauern der letzten 15 Jahre. Ein Japaner namens Fusazō Mori (森 房造, Mori Fusazō) wurde 1903 auf etwas aufmerksam, was von einem anderen Land (den USA) präsentiert wurde: Autos und Busse zum Personentransport. Die damalige Faszination des Gesehenen steckt bereits im japanischen Wort 自動車 (じどうしゃ): ein sich selbstständig bewegender Wagen
Zu Anfang wurde eigentlich nur von den Fortschritten in den USA, Deutschland, Frankreich und England kopiert, das Gesehene wurde versucht nachzuahmen, teilweise mit schnellen Erfolgen. Der erste Benziner soll bereits 4 Jahre später (1907) gefahren sein und auf einer Kopie eines französischen Automobils beruhen.



Noch bis in die 90er Jahre sahen die rostenden Todesfallen Kleinwagen aus Japan nicht besonders konkurrenzfähig aus und so wurden japanische Autos in Europa und Amerika eher belächelt – was sich als schwerer Fehler herausstellte. Als würde es dem Westen an Lernfähigkeit fehlen, wurden auch die süd-koreanischen Autohersteller noch etwa bis vor 15 Jahren ebenfalls belächelt, zumindest Hyundai ist nun aber ein schwerer Gegner und die koreanische Oberklasse fest in der Hand der koreanischen Autoindustrie. Nun werden chinesische Autohersteller kritisch betrachtet und die Entwicklung tendenziell sehr ernst genommen… man hat also doch aus der Vergangenheit gelernt (?)

Was jedoch heute außer Frage steht: Die japanische Autoindustrie ist seit den letzten 30 Jahren sehr erfolgreich und geprägt von Innovationen in Produkt und Produktion.

Internationaler Markt wurde stiefmütterlich behandelt

Interessant ist, dass Japan zwar ein großer Automobil-Exporteur ist (das bedeutet, dass in Japan Autos gebaut und ins Ausland verkauft werden), japanische Automobilhersteller sich vor allem in der Vergangenheit eher an der heimische Binnennachfrage (also japanische Kunden) orientiert haben. Ob es tatsächlich korrekt ist, bleibt offen, aber zumindest unter den Fans der japanischen Automobile gilt die stiefmütterliche Behandlung des ausländischen Marktes als Mitverursacher der Krisen in der japanischen Autoindustrie. In der Autoszene sind japanische Hersteller auch dafür bekannt, die exklusivsten Automobile – insbesondere Sportwagen – nur innerhalb Japans zu vertreiben und eben nicht zu exportieren oder maximal (dies galt insbesondere für viele gehobene Sportvarienten) nur in Ländern mit Rechtsverkehr anzubieten. Große Umstände für ausländische Kunden schienen sich japanische Hersteller nicht machen zu wollen.

Allerdings ist eine geringe Umbruchstimmung zu spüren, welche wahrscheinlich das Resultat der letzten zehn japanischen Krisenjahre im Automobilsektor ist. Beispielsweise wurden keine Nissan Skyline GT-R (die sportlichsten Nissan-Modelle) in das Ausland mit Linksverkehr exportiert. Der neueste GT-R (Nachfolger des Nissan Skyline GT-R) wird nun jedoch beinahe auf der ganzen Welt angeboten und ist je nach Vertriebsland als rechts- oder linkgsgelenkte Variante zu haben und bereits ein ziemlicher Markterfolg.

Wachstum mit Sparmobilen

Japanische Autos sind in der Welt jedoch – abgesehen von der Autotuningszene – eher nicht für Sportwagen oder Luxuslimosinen bekannt. Japanische Wagen (oder häufig auch leicht abwertend: “Reiskocher”) stehen eher für günstige Sparmodelle mit wenig Hubraum und geringem Benzinverbrauch. Auch die Turboaufladung (als Unterstützung für kleinere Motoren) wird vor allem japanischen Automobilen zugeschrieben (in der Tat sind die meisten japanischen und deutschen Autohersteller diejenigen, die Turbo-/Kompressor-Aufladung am meisten einsetzen, BMW ist aber zum Beispiel nicht gerade Fan der Aufladung und Honda lehnt Turbos generell ab).

In China stehen japanische und koreanische Autos für günstige Sparmodelle. Wer was von sich hält, greift in China unbedingt zu einem deutschen Automobil. Wer meint, das liegt an der grundsätzlichen Rivalität zwischen China und Japan, könnte Recht haben. Allerdings ist das Bild in Deutschland gar nicht so viel anders. Während hierzulande deutsche Autos als kraftvoll empfunden werden und französische Autos als elegant, gelten japanische Autos eher als günstige – aber zuverlässige – Sparbüchsen. Japanische Sportwagen sind in Deutschland und auf der ganzen Welt (außer Japan) im Vergleich nie richtig erfolgreich gewesen. Sparsame Autos sind immer das Zugpferd der japanischen Autoindustrie gewesen und hatten Toyota einst zum weltweit größten Automobilhersteller (nach Absatzzahlen) gemacht.

Daher bemüht sich auch die japanische Autoindustrie sehr in China, denn das dortige Wachstum und der aufstrebende Mittelstand in China und anderen Schwellenländern sind eine große Chance für die japanische Industrie.

Fans japanischer Automobile vermissen aktuelle Sportwagenmodelle. Früher gab es von Honda den NSX, von Toyota den Supra und von Mitsubishi den 3000GT, heute fehlen äquivalente Modelle und die Hersteller scheinen sich auf ihre Kleinwagen- und Mittelklasse-Sparten zu konzentrieren. Ob dies der richtige Weg ist, sollte zur Debatte stehen, dennoch die Identifikation der Japaner mit ihren Marken mag ja leicht fallen, aber Autofahrer in anderen Ländern könnten auch gut ohne japanische Automarken leben. Die Geschichte hat oftmals gezeigt, dass große Vorzeige-Modelle (selbst wenn diese keine guten Verkaufszahlen haben) das Prestige einer Marke anheben und Rennsporterfolge für ein besseres Image sorgen. Der Verzicht auf Sportwagen mit Power und der Ausstieg von Honda und Toyota aus der Formel 1 könnten sich langfristig sehr nachteilig auswirken.

Hohe Zuverlässigkeit – mit Ausnahmen

Japanische Autos stehen für Zuverlässigkeit nicht nur hier, sondern in der ganzen Welt. Wer TV-Dokumentationen über Safaris in Afrika oder Australien anschaut, sollte mal auf die Safari-Geländewagen achten, häufig sind diese nämlich von Nissan, Mitsubishi oder besonders häufig von Toyota. In Deutschland fielen japanische Automarken und ganz besonders Toyota bei TÜV- und ADAC-Statistiken als besonders zuverlässig auf.

Im Jahr 2010 gab es einen herben Rückschlag für den bis dahin als sehr zuverlässig und vorbildlich geltenden Hersteller Toyota. Probleme mit Bremsen und Gaspedalen haben einen internationalen Skandal ausgelöst und das Image von Toyota fing an zu bröckeln. Honda hatte mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Fairerweise muss man dazu sagen, dass andere Hersteller (auch aus Deutschland, ganz besonders aber aus den USA) vergleichbare Probleme hatten, diese jedoch in den Medien nicht so ausgeschlachtet wurden, wie es mit Toyota der Fall war. Da japanische Autohersteller von anderen Autoindustrien immer als großer Konkurrent gesehen werden, welche lieber einmal zu wenig als zu viel gelobt werden, und weil Toyota einen unheimlich guten Ruf hinsichtlich Zuverlässigkeit und Kundenorientierung genossen hat, schienen die Probleme ein gefundenes Fressen gewesen zu sein.

Japanische Autohersteller haben die Welt verändert

Japanische Autos sind eher weniger typische Kostenträger für neue Technologien und Erfindungen. Die Oberklasse ist vor allem in der Hand deutscher Automobilhersteller und diese sind auch eher die Finanzierer von neuen Technologien. Wer die Automobilbranche wachsam im Auge hat, weiß, dass neue Techniken in der Regel zuerst in der Oberklasse zum Einsatz kommen. Zwar glauben viele Fans japanischer Automobile, dass japanische Hersteller neue Technologien entwickeln und installieren, in Wahrheit sind japanische Hersteller jedoch eher diejenigen, die bestehende Technologien verwenden und für alltagstaugliche Anwendungen optimieren. Wer die neueste Technik sucht, wird also eher die deutsche Oberklasse als japanische Autos ins Auge fassen müssen. Anders sieht es jedoch bei der Organisation und Produktion aus, hier waren japanische Hersteller Lehrmeister für den Westen.

Denn Japanische Produktionskonzepte haben den Westen – und gerade auch die Autoindustrie Deutschland – stark geprägt. Das Toyota Produktionssystem (TPS) ist das bekannteste Beispiel und setzt sich aus einer Vielzahl von Methoden und Konzepten der Prozessoptimierung, Fehlervermeidung (z. B. Poka-Yoke) und kontinuierlicher Verbesserung zusammen. Das TPS ist auch eine Vorlage z. B. für das Bosch Produktionssystem und das Daimler-Benz Produktionssystem.

Japanische Invention und Innovation

Wie bereits angedeutet, kommen viele Technologien nicht aus Japan, wurden jedoch durch japanische Firmen für die breite Masse zugänglich gemacht und beworben. Daraus resultieren einige Innovations-Mythen über japanische Autohersteller. Bevor man sich mit Innovations-Mythen befasst, sollte man wissen, was Innovation eigentlich bedeutet. Innovation bedeutet nämlich nicht Invention (Erfindung), sondern erfundene Techniken/Materialien sinnvoll und nach entsprechender Erprobung einzusetzen und Anwendungen daraus zu entwickeln.

- Allradlenkung kommt aus Japan: Nicht nur Allradantrieb verbessert das Fahrverhalten, sondern auch die seltenere Allradlenkung. Von der Idee her kommt diese Technik zwar nicht aus Japan, denn die erste Allradlenkung stammt aus den 30er Jahren und wurde von Mercedes erfunden und das erste Mal mit einem Geländefahrzeug vermarktet, die Etablierung am Markt geschah jedoch fast nur durch japanische Automobilhersteller. Während deutsche und andere Hersteller Allradlenkung beinahe vergaßen, hatten japanische Autobauer Allradlenkung insbesondere für Sportwagen eingesetzt – und das mit regelmäßiger Weiterentwicklung und guten Markterfolgen. Das erste Großserienfahrzeug mit serienmäßiger Allradlenkung war das Sportcoupe Honda Prelude. Mazda hatte Allradlenkung im 626 GD eingesetzt, Nissan im 300ZX und Skyline, Mitsubishi im Sigma und 3000GT. Die Allradlenkung sollte die Fahrstabilität und Agilität verbessern. Allradlenkung ist heute jedoch nicht mehr so attraktiv, da Fahrzeuge durch die Bauteile für Allradlenkung teurer und schwerer werden. In Deutschland kommt die Allradlenkung heute noch von BMW zum Einsatz.

- Der Hybrid-Antrieb wurde von Toyota erfunden: Nein, das stimmt sicher nicht. Toyota hat sich mit Hybrid-Technologie für Antriebe erst seit 1977 beschäftigt und schien erst ab 1990 Erfolge verzeichnen zu können. Inventoren sind hier wiedermal Mitteleuropäer. Als Pionier gilt Ferdinand Porsche, der Gründer eben jener bekannten Sportwagen-Marke in Deutschland. Toyota ist aber dennoch ein großer Innovator auf dem Gebiet, denn Toyota ist der erste Automobilhersteller, der den Hybridantrieb im japanischen und westlichen Verkehrsalltag etablieren konnte. In Deutschland ist der Toyota Prius Hybrid bereits sehr erfolgreich und sogar häufiges Taxi in Berlin. Hybridmotoren sind jedoch eher nicht die Zukunft, sondern nur eine Übergangsphase. Der Weg führt zu alternativen Antrieben bzw. alternativen Energiequellen und Hybrid ist wahrscheinlich eher deshalb erfolgreich, weil die Autofahrer zwar weg vom Öl wollen, jedoch auch noch nicht ganz auf das überall verfügbare Benzin/Diesel verzichten können.
Interessant ist viel mehr die Entwicklung der Elektrofahrzeuge durch japanische Autobauer.

- Japaner mögen nicht viel Hubraum: Das kann man schon behaupten, auch wenn sich hier im letzten Jahrzehnt einiges verändert hat. Der Nissan GT-R beispielsweise hat einen 3,8 Liter hubraumstarken V6 (Twin-Turbo). Das ist für japanische Verhältnisse geradezu ein Hubraum-Monster. Der Vorgänger Skyline GT-R hatte einen 2,6 Liter großen Reihensechser als Antriebsquelle. Die älteren Sportwagen der japanischen Vorstellung von Oberklasse wie Honda NSX, Toyota Supra oder Nissan 300ZX hatten nicht mehr als 3,0 Liter Hubraum. Viele erfolgreiche Sportwagen aus dieser ostasiatischen Volkswirtschaft haben sogar nur 2,0 l Hubraum, meistens mit Turbo-Aufladung und 280 PS.  Der Mazda RX7 hat einen Wankelmotor mit nur 1,3 Litern Verbrennungsraum und schafft (dank Turbolader) gute 280 PS. Der Honda S2000 leistet aus 2,0 Litern immerhin 240 PS ganz ohne Zwangsbeatmung durch Turbolader.
Es geht aber auch anders: Japanische Oberklassenmodelle von Infinity (Nissan) und Lexus (Toyota) haben auch Geländewagen und Limousinen mit V8-Motoren und mehr als 4,0 Litern Hubraum im Programm. Dennoch sind V8 von japanischen Herstellern eher die Ausnahme und eher der Schritt zum US-amerikanischen Markt, in welchem traditionell großvolumige Motoren nachgefragt werden.

- Honda hat die variable Nockenwellenverstellung erfunden: Leider nein, die japanische Version VTEC ist zwar eine Weiterentwicklung und hat ihre Besonderheiten, die ersten Ideen kamen jedoch aus den USA, Deutschland und England. VTEC ist jedoch ein großes Marketing-Label von Honda und ziemlich erfolgreich – quasi ein Symbol für die Sportwagenmodelle von Honda. Auch andere Hersteller von überall her haben ihre Technologien zur Nockenwellenverstellung, jedoch wirbt kein Hersteller damit so sehr wie Honda.

- Japaner haben den Wankelmotor erfunden: Das einzige in Deutschland zurzeit erhältliche Fahrzeug mit Wankelmotor ist der Mazda RX8. Der Vorgänger RX7 ist zwar in Deutschland gefloppt, machte den Wankelmotor jedoch auch im Motorsport der Welt zum Gesprächsthema. Der Motorsound ist sehr turbinenartig, damit sehr interessant und bringt eine besondere Charakteristik. Mazda hat zudem auch Konzepte für einen Relaunch des Wankelmotors für den Supersportwagen-Sektor. Auch andere japanische Hersteller wie Toyota, Nissan, Suzuki und Kawasaki hatten/haben Wankelmotoren im Programm. Aber erfunden hat jedoch weder Mazda noch irgendein anderer japanischer Hersteller den Wankelmotor. Erfinder (und Namensgeber) war Felix Wankel – ein Deutscher – und der erste richtige Vermarkter des Antriebs der deutsche Autobauer NSU. Einen Wankelmotor zu fahren ist zwar exotisch, jedoch eigentlich eine heimische Technologie. Dennoch ist Mazda der derzeitige Innovator bei Wankelmotoren im Automobilbereich, mit dem Mazda RX8 Hydrogen RE gibt es längst auch einen Zwei-Scheiben-Wankelmotor, der mit Wasserstoff und Benzin betrieben werden kann.

Zusammenfassung: Japanische Automobil-Hersteller sind eher nicht so sehr die Inventoren, dafür aber große Innovatoren, denn sie schaffen es, alltagstaugliche Anwendungen zu schaffen, die für eine breite Kundschaft bezahlbar ist. Innovation bedeutet hier also, die aus der Forschung gewonnenen Kenntnisse sinnvoll zu nutzen. Japanische Autobauer haben ihre Nischen gefunden, für die sie werben und für die sie auch Bekanntschaft erreicht haben. So steht Subaru für Boxer-Motoren und Allradantriebe, Honda für VTEC und Hochdrehzahlmotoren, Nissan für turboaufgeladene Driftmaschinen und Toyota irgendwie für alles ein bisschen, aber ganz besonders für einen (immer noch) zuverlässigen Massenauto-Anbieter.

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