Chinesisch für Deutsche – Der Herausforderung bewusst?
Benny September 22nd, 2007
Du bist auch Deutscher und Chinesisch lernen ist nun also deine Idee? Weil du denkst, dich interessiere die chinesische Kultur? Weil du meinst, die KungFu-Filme im Original sehen und verstehen wollen zu müssen? “Chinesisch sprechen, mit chinesischen Studenten flirten, im China Restaurant auf Chinesisch Bestellungen zu tätigen, das wäre schon was”, das ist doch dein Gedanke, stimmts? Oder sind Chinesisch-Kenntnisse für dich erstrebenswert, weil du denkst, die wären schon nicht schlecht für deinen Lebenslauf?
Nun wenn du nicht wirklich voll dahinter stehst – lass es bleiben, es ist zu schwer, zu anstrengend und zu nervenaufreibend.
Grund Nummer 1 – Die chinesische Schrift
Die chinesische Schrift basiert auf vielen, wirklich sehr sehr vielen Piktogrammen. Piktogramme sind eigentlich kleine Bilder, die als Symbol dienen. Ein Piktogramm dient zur Darstellung eines Wortes, wobei viele – nein die meisten – Wörter aus mehreren Wörtern – also Piktogrammen – zusammengesetzt sind.
Die Piktogramme sind jedoch keine Bilder wie in der Höhlenmalerei mehr, sondern kleine – aus westlicher Sicht sehr abstrakte – Gebilde aus vielen Strichen.
Wer die Schrift wirklich beherrschen will, muss sehr viel Zeit investieren, wobei Lesen leichter fällt als Schreiben. Sogar Chinesen müssen bis in hohe Schulklassen noch Zeichen büffeln, sogar im Studium kommen neue fachbezogene Zeichen hinzu. Wichtig ist dann nicht nur wie das Zeichen eigentlich aussieht und geschrieben wird, auch die Strichfolge muss gelernt werden. Denn wenn man etwas Wert auf die Fähigkeit des handschriftlichen Verfassens von Chinesisch legt, tritt die Strichfolge nicht unwesentlich in den Vordergrund. Man muss sich also nicht nur damit beschäftigen, wie ein Wort eigentlich aussieht, sondern auch welchen Strich man als erstes, letztes und welche Striche man da zwischen in welcher Reihenfolge machen muss.
Wer 1000 Wörter verstehen kann, wird den Sinn eines Zeitungsartikels kaum erschließen können, das funktioniert wohl erst ab 2000 Zeichen, wer 3000 Zeichen kann, sollte für den Alltag in China gut gerüstet sein. Gebildete Chinesen sollten jedoch weit mehr können.
Die chinesischen Zeichen sehen dann z.B. so aus:
上 – oben, 下 – unten, 大 – groß, 小 – klein, 火 – Feuer, 水 – Wasser.
Einfach, gell? Ja sicherlich sind die häufig verwendeten Zeichen einfach und schnell zu zeichnen. Leider wird man im Alltag vorallem auf viele weniger häufig verwendete Zeichen stoßen, die aber um einiges komplexer sind. Hier ein paar Beispiele:
德国 – Deutschland, 西班牙语 – Spanisch
Wenn du denkst, dass das schon fetzt, dann guck dir das Wort mal an:
警察 – Polizei
… und das war noch nicht mal alles, nein, es kommt noch härter. Denn nicht überall macht man es sich so einfach wie in der VR China (Festlandchina). In dieser wurden nämlich viele, weniger gebräuchliche Zeichen reformiert. In Hongkong und Taiwan hat man noch die traditionellen Zeichen, die nochmals um einiges komplizierter aussehen. Hier mal eine kleine Gegenüberstellung der “einfachen”, reformierten Zeichen und der schwierigeren, traditionellen Zeichen:
干净 – 乾淨 – sauber
飞机 – 飛機 – Flugzeug
这儿/那儿 – 這兒/那兒 – hier/dort
Aus Sicht eines Festland-Chinesen sind taiwanesische Zeitungen recht “schwarz”, da die Strichdichte in den Zeichen enorm hoch ist. Für einen Japaner und Koreaner erscheinen chinesische Zeitungen generell sehr dicht beschrieben. Da wären wir auch gleich beim Thema, denn Japaner und Koreaner hatten die chinesischen Zeichen mal vor Jahrhunderten in ihr eigenes Sprachsystem aus eigener, damaliger Rückständigkeit, übernommen – und mal ehrlich, schön aussehen tun die Zeichen ja – und sind nun guter Dinge die Zeichen schnellst möglich wieder los zu werden. Während die Koreaner die chinesischen Zeichen schon lange für den Alltag abgeschafft (die Überreste nennen sich Hanja und sind dennoch überall in Südkorea zu finden) und in eine Silbenschrift getauscht haben, führen die Japaner neben zwei Silbenschriften größtenteils immer noch chinesische Zeichen (sogenannte Kanji). Da haben es sich Länder wie Vietnam einfacher gemacht, die sind nämlich völlig von den chinesischen Zeichen weg und bedienen sich einer Buchstabensprache, wo wir schon beim nächsten Punkt wären.
Die chinesischen Zeichen sind völlig unabhängig von der gesprochenen Sprache, das heißt, man kann keine Aussprache an Hand eines Zeichens herleiten. Anders als bei Buchstabenschriften. Mit Letzteren kann man ein geschriebenes Wort nämlich rekonstruieren. Ich verwende z.B. gerade eine Buchstabensprache (lateinisches Buchstabensystem). Da wir nämlich nur die 24 Buchstaben (plus deutsche Eigenheiten – ä, ö, ü, ß) lernen müssen, können wir mit diesen alle Wörter lesen und aussprechen, auch Wörter die man im Alltag nicht verwendet – oder wie oft benutzt man im Alltag das Wort Desoxyribonukleinsäure? Umgekehrt können wir das gehörte Wort Des oxy ribo nu klein säu re sicher wieder in Textform bringen können, ohne dass wir das Wort jemals geschrieben haben oder auch nur die Bedeutung an sich kennen. Selbst wenn man ein Wort nicht ohne Rechtschreibfehler schreiben kann, kann es in der Regel noch verstanden werden.
Wenn man chinesische Zeichen nicht nur verstehen, sondern auch aussprechen will, muss man sich gleich noch einem Schriftsystem widmen, das schon chinesische Kinder in der Schule lernen müssen, gerade das ist aber ein Buchstabensystem, welches nur der Rekonstruktion in Laute (und dem Eintippen der chinesischesn Wörter in Computersysteme) dient – Pinyin.
Pinyin basiert auf Buchstaben mit Aussprache, sehr an das Englische angelehnt. Ohne Pinyin wird man als Chinesisch-Lernender kaum auskommen – es sei denn, man will Chinesisch zwar lesen und verstehen, nicht aber vorlesen und sprechen können.
Grund Nummer 2 – Die gesprochene Sprache
Die gesprochene Sprache ist sicherlich schon eine Wissenschaft für sich. Zum einen gibt es da die Dialekte. Wenn man von Chinesisch spricht, meint man in der Regel Hochchinesisch, auch Mandarin oder Putonghua genannt, welches merkwürdigerweise nicht nur in China gesprochen wird. Dann gibt es aber noch eine Reihe an Dialekten, wie der Wu-Dialekt, der in/um Shanghai gesprochen wird oder der Hongkong-Dialekt, auch Kantonesisch genannt. Hochchinesisch ist eigentlich nichts weiter als der Beijing-Dialekt. Zur Beruhigung, Hochchinesisch ist immer noch die meistgesprochenste Sprache auf der Welt und ist in nahezu ganz China verbreitet – neben den eigenen, lokalen Dialekten. Die Dialekte sind eigentlich eher eigene Sprachen, denn sie unterscheiden sich bedeutend in Vokabular und teilweise auch in Grammatik. Und alleine die WU-Dialekt-Sprecher sind eine größere Gruppe als alle Niederländer, die Niederländisch sprechen, zusammen.
Nun gut, bleiben wir mal beim Hochchinesisch. Wenn man als jemand, der Chinesisch nur aus KongFu-Filmen kennt, Chinesisch hört, klingt es so, als sei jedes Wort vom Klang her gleich. Mit Erschrecken wird man als Deutscher feststellen, dass man da gar nicht so falsch lag. Denn Chinesisch nutzt nicht nur wenig Silben, es werden die selben Silben oft mehrfach verwendet, so das ein Silbe viele Bedeutungen haben kann, nein sogar zwangsläufig hat!
Häufige Silben sind z.B. “shi” – gesprochen wie “schöö” oder “you” – gesprochen wie “jo”, diese haben jedoch dutzende Bedeutungen, die sich alleine durch den Kontext erschließen! Und durch Töne…, Töne? Ja genau Töne.
Chinesisch ist eine tonale Sprache und – ganz egal welchen Dialekt man lernen würde – um die Töne kommt man in der gesprochenen Sprache nicht herum. Mit Hochchinesisch ist man übrigens nicht nur gut beraten, weil Hochchinesisch am verbreitetesten ist, nein, Hochchinesisch kennt nur 4 aktive Töne – ein Luxus, denn Kantonesisch z.B. hat 7 aktive Töne.
Die Töne sind aus Sicht westlicher Länder – und nicht nur dieser – ein kleiner großer Fluch. Nur allein durch die Veränderung des Tonfalls kann ein Wort schon wieder etwas ganz anderes bedeuten, als man für die Kommunikation angedacht hatte. Zwangsläufig wird man versuchen, auch ohne die Töne eine anständige Kommunikation mit Chinesen aufzubauen, wird jedoch letztendlich im Detail scheitern. Die Töne sind ein notwendiges Übel, denn sie vervielfachen die dem Chinesischem zur Verfügung stehenden Silben. Während Japaner auf Grund der Silbenarmut sich oft die Kanji (chinesische Zeichen) auf die Hand malen oder andeuten müssen, um sich unmissverständlich zu verstehen, können Chinesen dank der Töne und dem Kontext auch ohne Zeichen sehr sicher kommunizieren.
Dann muss man auch erstmal mit den Eigenheiten der chinesischen Sprache klarkommen. Das Personalpronomen für “Er”, “Sie” und “Es” ist zum Beispiel im gesprochenen Hochchinesisch gleich, auch Zeitformen und Konjugation gibt es nicht. Kaum verwunderlich dass man als Mitteleuropäer in China dann mit mittelmäßigen Chinesischkenntnissen erstmal kaum weiß, was eigentlich genau um einen herum passiert, wo wir schon beim nächsten Grund wären.
Grund Nummer 3 – China und die Chinesen
Wer denkt, er kenne China aus irgendwelchen Dokumentationen oder gar aus Filmen, kann nur irren. China ist unheimlich groß, hat jede Menge vergangene Dynastien, jede Menge Provinzen und ich werde mich hüten im schwarzweißen Sinne von “China ist genau so… und nicht anders” zu argumentieren, doch eines ist China dann doch – einfach anders. Für unvorbereitete, deutsche Touristen oder Geschäftsleute ist China erstmal wie die Landung auf einem fremden Planeten, von dem man höchstens mal was im Fernsehen gesehen hat. Allerdings ist auch für den mit China- und Chinesischkenntnissen bespickten Chinafan ein Kulturschock nicht ausgeschlossen. Pünktlichkeit und das Anstehen in einer Warteschlange zum Beispiel sind in China anders definiert. Das Essen, die Politik, das Geschäftsleben, die Beziehungen, das öffentliche Leben und natürlich die futurischtische Schrift überall um sich herum haben eine starke Einwirkung auf den Westler und man wird nur auf ein Fazit kommen können – Entweder man liebt es oder man hasst es.
Soll es doch schon so manchen Sinologiestudenten gegeben haben, welcher in Deutschland knüppelhart Chinesisch lernte, chinesische Geschichte und Literatur einstudierte und dann zuversichtlich den ersten richtigen Besuch (vielleicht sogar ein Praktikum) in China tätigte… und danach das Studium sofort abbrach.
Und gab es doch schon ganz andere Europäer, die nie einen Gedanke an China verschwendet hatten, dann aber bereits nach einem Chinabesuch immer wieder kamen, aus Leidenschaft.
Falls ich nun jemanden verschreckt habe,…. man sollte es nicht allen Ernstes all zu streng nehmen, denn woher soll man gleich wissen, ob einem China und Chinesisch liegt? Einfach ausprobieren! Denn selbst wenn man Chinesisch lernen nicht lange durchhält – besser ein bisschen Chinesisch als gar kein Chinesisch
- Comments(4)
Einen durch Einsichten und Merkwörter (=Mnemonik) etwas einfacheren Einstieg in die chin. Zeichen bietet die Webseite “Täglich. Chinesisch.”:
http://taeglich.chinesisch-trainer.de
Fast jeden Tag wird ein neues Zeichen mit den wichtigsten Zusammensetzungen dargestellt und analysiert. Merkwörter und Erläuterungen erleichtern das Memorieren der Zeichen. Momentan sind es 555 Zeichen, und es werden täglich mehr!
大家好,
eine schöne website habt ihr. Wünsche euch beiden weiterhin viel Erfolg mit der Seite, beim Chinesisch und Deutsch lernen, und natürlich in eurer Beziehung.
Alles Gute,
唐哲
Es freut mich sehr, dass ihr euch um Chinesischlernen so bemühen kannt und ihre Webseite überrascht mich auch sehr.
Ich bin eine chinesin, die auf deutsche Sprache grosse Aufmerksamkeit schenke. Wenn ihr möchtet, können wir uns miteinander mal befreunden. Es kann sein, im Internet auf chinesisch oder deutsch zu chatten und email zu schreiben usw.
Ihr kannt direkt durch Email mich beantworten.
Viel Erfolg beim Chinesischlernen.
xulei
Sorry, aber dieser Artikel ist nicht gerade konstruktiv, ja sogar destruktiv (demotivierend). Wir wollen Chinesisch lernen! Dazu bin ich bereit, egal wieso… Nach diesem Artikel sollte ich mich wohl eher verkriechen und es aufgeben. Habt ihr schon mal etwas von Autosuggestion gehört? Didaktik?
Da nützen auch die letzten paar aufmunternden Alibi-Zeilen eurer Krebsbotschaft nichts mehr.
Der Arzt zum Patienten: “Es tut mir Leid, Sie haben Krebs. Aber auch wenn sie mit grosser Wahrscheinlichkeit daran sterben werden, machen Sie sich keine Sorgen, wegen dem müssen Sie doch nicht gleich aufgeben.”.
Guter Witz, nicht? Unglaublich…